Frühe Traumatisierung
Wird keine sichere Bindung erlebt, gab es nicht ausreichende Fürsorge und/oder emotionale Hinwendung in der Kindheit, kann die Entwicklung des Kindes gestört sein und auch viel später können noch die Beziehungsfähigkeiten beeinträchtigt sein.
Oft steckt noch ein veraltetes Bild in vielen Köpfen, dass ein Trauma immer etwas lautes, großes beinhalten muss. Wir negieren unsere eigenen Probleme, reden sie klein, verallgemeinern.
Doch für ein Kind bedeutet nicht gesehen zu werden, eine existentielle Bedrohung, da es alleine auf der Welt nicht überleben könnte.
Wodurch entsteht frühe Traumatisierung?
Um von früher Traumatisierung, dem Verlust von sicherer Bindung, zu sprechen, reicht schon einer der folgenden Punkte:
-
- Ablehnung, Beschämung, Schuldzuweisungen
- frühes Verlassenwerden, allein gelassen werden
- Scheidung der Eltern, wechselnde Bezugspersonen
- Lieblosigkeit, wenig liebevoller Körperkontakt
- emotional abwesende Eltern
- Demütigungen oder körperliche Gewalt
- sexuelle Gewalt
- Vernachlässigung, eingeschränkte Versorgung
- zu wenig Verständnis, wenig Trost, fehlender Schutz
- Bindungsunterbrechungen durch frühe Klinikaufenthalte
- Suchtprobleme der Eltern
- selbst traumatisierte und psychisch belastete Eltern
- Suizid (Selbstmord) in der Familie
- emotionaler Missbrauch
- Parentifizierung (Rollenumkehr zwischen Eltern und Kindern, Verantwortungsverschiebung)
- Überforderung
- unausgesprochener Schrecken, schweigen müssen
- nicht trauern dürfen
und viele mehr
Auch extremes Mobbing kann traumatische Folgen haben.
Sind Traumatisierungen früh geschehen, gibt es kein Erinnern im eigentlichen Sinne, die Fragezeichen und Ohnmachtsgefühle sind umso größer.
Die Grundlage für unsere Selbstregulation (den Umgang mit eigenen Gefühlen) ist die Co-Regulation, die wir in frühster Kindheit von unseren Bindungspersonen erfahren haben, beispielsweise in Form von Trost, Zuwendung, emotionaler Nähe und Halt.
Gab es diese sichere Bindung und Geborgenheit nicht, hat keiner auf unsere Bedürfnisse reagiert, so wie wir es gebraucht hätten, können wir uns auch später nicht oder nicht gut selbst regulieren, leiden unter Gefühlsausbrüchen oder machen uns abhängig. Es fällt uns schwer ein kontinuierliches Gleichgewicht im Leben zu finden.
Unbehandelte Traumata können zu Traumafolgestörungen führen, die sich in verschiedenen Krankheitsbildern äußern. Unser Nervensystem befindet sich in einer ständigen Über- bzw. Untererregung.
Erhöhte Stressanfälligkeit, körperliche Schmerzen, Angststörungen, Depressionen oder dissoziativen Störungen können die Folge sein.
Die gespeicherten Traumainformationen an die Oberfläche zu holen, ist eine sensible Arbeit, die jedoch zu einem Erkennen und Anerkennen des eigenen psychischen Hintergrundes und zu großer Erleichterung führen kann, um Lebenskraft zurück zu erlangen. Schritt für Schritt.
Sind die Erfahrungen integriert, ist persönliches Wachstum und Weiterentwicklung möglich. Du bestimmst dein Leben und nicht das Erlebte dich.
* Der Schmerz in meinem Körper zerreißt mich in tausend Stücke. Wie meine Hülle aus Haut und Knochen dies aushält? - Unbegreiflich! Das Gefühl zu zerfließen. Getrieben sein. Wie werde ich wieder ganz? Wie kann ich es kontrollieren? Ich möchte nur einen kurzen Moment Stille, einen kurzen Moment Ruhe. Nur einen kurzen Moment wieder ICH sein. Ich kann nicht atmen, nicht schlucken, nicht schreien, im Spiegel sehe ich in meine Augen. Sie blicken mich hilflos an. Die Bitte gilt mir, doch ich weiß mir nicht zu helfen.
* Die hier beschriebenen Erfahrungen, sind persönliche Ausschnitte aus der individuellen Empfindung einer traumatisierten Person. Es kann sein, dass du dich darin wieder erkennst und in einigen Momenten ähnlich schmerzhafte Gefühle empfindest und es kann genauso sein, dass es sich für dich ganz anders anfühlt.
Nach außen sind psychische Traumatisierungen kaum für unsere Mitmenschen zu erkennen.
Du kannst ein erfolgreiches Leben führen, gut funktionieren im Job, eine Beziehung und Familie haben und trotzdem ist da dieses Gefühl, vielleicht nicht richtig glücklich zu sein, nicht anzukommen oder dich einsam zu fühlen, undankbar oder sonst irgendwas.
Es sind hier alles nur Beispiele für komplexe Erfahrungen.
Trauma ist nie gleich Trauma, sondern immer so individuell, wie der Mensch, der hinter seiner Geschichte steht.
Gleichzeitig möchte ich darauf hinweisen, dass nicht jeder, der extremen Stress in der Kindheit oder ein schreckliches Ereignis erlebt hat, traumatisiert ist.
Es gibt einige Einflussfaktoren, zum Beispiel genetische Veranlagung, unsere Ressourcen, sichere Bindungsfähigkeit, stressfreie Umgebung in der Gegenwart und unsere individuelle Resilienz, die hier eine Rolle spielen.
Datenschutz
Impressum